
Wenn der Mensch (nur noch) funktioniert
„Ich muss funktionieren“
Diesen Satz hört man heute oft. Er wird beiläufig gesagt, fast schon selbstverständlich. Als wäre es normal, als Mensch zu funktionieren wie eine Maschine. Doch genau hier beginnt ein leiser Irrtum, einer, der viele Menschen unbemerkt von sich selbst entfernt.
Funktionieren bedeutet, Abläufe zuverlässig auszuführen. Es bedeutet, Erwartungen zu erfüllen, Aufgaben abzuarbeiten, Leistung zu bringen. Eine Maschine funktioniert. Sie fragt nicht, sie fühlt nicht, sie zweifelt nicht. Sie läuft, solange sie Energie bekommt.
Ein Mensch hingegen lebt
Leben heißt spüren. Leben heißt empfinden, zweifeln, hoffen, sich freuen, müde sein, lachen, weinen, sich verändern. Leben ist nicht effizient. Es ist nicht linear. Es folgt keinem perfekten Plan. Und genau darin liegt seine Schönheit.
Wenn ein Mensch sagt, er „funktioniert nur noch“, dann ist das oft ein Zeichen dafür, dass er sich selbst irgendwo auf dem Weg verloren hat. Dass er zwar da ist, aber nicht wirklich anwesend. Dass er seinen Alltag bewältigt, aber kaum noch erlebt. Dass Pflichten, Rollen und Erwartungen lauter geworden sind als die eigene innere Stimme.
Funktionieren schützt – eine Zeit lang
Es hilft, durch schwierige Phasen zu kommen, Verantwortung zu tragen, den Alltag zu bewältigen. Doch wenn dieses Funktionieren zum Dauerzustand wird, beginnt etwas Wesentliches zu fehlen. Dann bleibt das Leben auf der Strecke.
Denn ein Mensch ist kein System, das immer verfügbar sein muss. Er ist kein Werkzeug, das nur dann wertvoll ist, wenn es Leistung bringt. Ein Mensch ist wertvoll, einfach weil er ist.
Leben heißt auch, Pausen zu machen. Nein zu sagen. Sich selbst zu spüren. Fragen zu stellen. Unproduktiv zu sein. Sich zu irren. Zeit zu verschwenden. Still zu sein. Glück zu empfinden, ohne Zweck. Traurig zu sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Wenn wir Menschen nur noch nach ihrem Funktionieren bewerten, verlieren wir den Blick für das Wesentliche. Dann zählen Termine mehr als Begegnungen, Effizienz mehr als Empathie, Leistung mehr als Lebendigkeit. Doch ein erfülltes Leben entsteht nicht dort, wo alles reibungslos läuft, sondern dort, wo wir uns selbst begegnen.
Leben bedeutet, sich verbunden zu fühlen, mit sich selbst, mit anderen, mit dem Moment. Es bedeutet, nicht immer stark zu sein, nicht immer richtig, nicht immer verfügbar. Es bedeutet, Mensch zu sein, mit allem, was dazugehört.
Vielleicht ist es an der Zeit, den Satz zu verändern.
Nicht: „Ich muss funktionieren.“
Sondern: „Ich darf leben.“
Denn Maschinen funktionieren, Menschen leben. Und genau das sollten wir uns wieder erlauben. Findest du nicht auch?
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Günter W. Kienitz / Bettina Kienitz
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