Gedanken sind Dinge und alles, was wir denken, ist Wirklichkeit.
~ Prentice Mulford ~
Ein merkwürdiger Satz.
Gedanken sind doch keine Dinge. Man kann sie nicht anfassen, nicht wiegen und nicht ins Regal stellen. Und wenn ich mir vorstelle, ich hätte einen Koffer voller Geld, wird mein Bankkonto davon noch lange nicht voller.
Was also meinte Prentice Mulford, als er sagte: „Gedanken sind Dinge“?
Vielleicht lohnt es sich, den Satz einmal nicht als Behauptung über die äußere Welt zu lesen, sondern als Hinweis auf die Macht unseres Denkens. Denn bevor etwas in unserem Leben Gestalt annimmt, existiert es häufig zunächst als Gedanke. Ein Haus beginnt mit einem Gedanken. Ein Buch ebenfalls. Eine Reise, ein Unternehmen, eine Erfindung, ein Streit – und manchmal sogar eine große Liebe.
Aber auch vieles von dem, was uns im Alltag belastet, beginnt im Kopf.
- „Das schaffe ich sowieso nicht.“
- „Die anderen sind besser als ich.“
- „Bestimmt geht das schief.“
Solche Gedanken sind zunächst nur Gedanken.
Und doch können sie erstaunlich schnell zu etwas werden, das sich sehr real anfühlt. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf das, was wir fürchten, interpretieren Ereignisse entsprechend und handeln schließlich so, als wäre unsere Befürchtung bereits eine Tatsache.
- Aus einem Gedanken wird eine Überzeugung.
- Aus einer Überzeugung wird eine Haltung.
- Aus einer Haltung wird Verhalten.
- Und aus unserem Verhalten entsteht schließlich ein Teil unserer Wirklichkeit.
Das ist vermutlich die praktischere Seite von Mulfords Aussage: Was wir denken, beeinflusst, was wir sehen.
Stell dir vor, du hast einen schlechten Tag.
Alles scheint gegen dich zu laufen. Du wartest an der Kasse, und natürlich ist gerade deine Schlange die langsamste. Jemand schneidet dir im Straßenverkehr den Weg ab. Dann regnet es auch noch.
„Typisch“, denkst du. „Heute geht einfach alles schief.“
Und plötzlich scheint dir die ganze Welt recht zu geben.
Am nächsten Tag geschieht vielleicht dasselbe – nur mit einem kleinen Unterschied: Du bist gut gelaunt. Der Regen stört dich nicht. An der Kasse kommst du mit einem Fremden ins Gespräch. Und über den Autofahrer, der dir die Vorfahrt genommen hat, ärgerst du dich fünf Minuten und hast ihn danach schon wieder vergessen.
Die äußeren Ereignisse waren nicht völlig anders. Aber deine Wirklichkeit war eine andere.
Das bedeutet nicht, dass wir uns unsere Welt einfach herbeidenken können. Krankheit, Verlust, Ungerechtigkeit oder andere schwierige Erfahrungen verschwinden nicht dadurch, dass wir sie positiv formulieren.
Aber wir haben einen Einfluss darauf, welche Bedeutung wir dem geben, was uns widerfährt – und was wir daraus machen.
Welchen Gedanken gibst du heute Nahrung?
Wir denken den ganzen Tag. Die meisten Gedanken kommen und gehen, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen.
Doch manche bleiben.
Wir wiederholen sie. Wir erzählen sie anderen. Wir erzählen sie uns selbst. Und je öfter wir einen Gedanken denken, desto vertrauter wird er uns – bis wir ihn irgendwann gar nicht mehr als Gedanken erkennen, sondern für eine Tatsache halten.
Deshalb lohnt es sich, hin und wieder innezuhalten und sich zu fragen: Ist das wirklich wahr – oder denke ich es nur?
- „Ich bin nicht gut genug.“ – Ist das eine Tatsache?
- „Niemand interessiert sich für mich.“ – Ist das eine Tatsache?
- „Dafür bin ich zu alt.“ – Ist das eine Tatsache?
Oder sind es Gedanken, die wir so oft wiederholt haben, dass sie inzwischen aussehen wie Tatsachen?
Mulford fordert uns letztlich dazu auf, sorgfältiger mit unseren Gedanken umzugehen. Denn Gedanken sind nicht bedeutungslos. Sie beeinflussen unsere Aufmerksamkeit, unsere Gefühle, unsere Entscheidungen und unser Handeln.
Damit können sie tatsächlich zu „Dingen“ werden. Und das ist die eigentliche Botschaft hinter seinem ungewöhnlichen Satz:
Achte darauf, was du denkst. Du weißt nie, was daraus wird.
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Bettina Kienitz
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