Darum können Zeitungen so sehr schaden,
weil sie den Geist so unsäglich dezentrieren, recht eigentlich zerstreuen.
Warum uns Nachrichten zerstreuen – und was dabei verloren geht
Wir leben in einer Zeit, in der wir jederzeit wissen können, was irgendwo auf der Welt geschieht. Kriege, Krisen, politische Streitigkeiten, Katastrophen, Prominente, die sich öffentlich streiten, und Ereignisse, die schon morgen niemanden mehr interessieren werden: Ein Blick aufs Smartphone genügt, und die nächste Welle von Nachrichten ergießt sich über uns.
Doch was macht diese ständige Informationsflut eigentlich mit uns? Und wie viel davon brauchen wir wirklich?
Christian Morgenstern (1871-1914) hat sich darüber schon Gedanken gemacht, als die Zeitung noch das einzige Massenmedium war. Seine Beobachtung ist verblüffend aktuell.
Wenn der Geist nicht mehr zur Ruhe kommt
Morgenstern spricht davon, dass Zeitungen den Geist „dezentrieren“ und „zerstreuen“. Das klingt ungewöhnlich, trifft aber einen empfindlichen Punkt: Unsere Aufmerksamkeit wird von einem Thema zum nächsten gezogen, von einer Nachricht zur nächsten, von einem Problem zum nächsten.
Eben noch lesen wir über eine Naturkatastrophe, dann über einen politischen Skandal, anschließend über den neuesten Streit unter Prominenten. Kaum haben wir eine Information aufgenommen, wartet bereits die nächste darauf, unsere Aufmerksamkeit zu beanspruchen.
Wir wissen von unzähligen Dingen, doch wie viel davon haben wir tatsächlich durchdacht? Was hat unser Verständnis vertieft, unsere Urteilskraft geschärft oder uns als Menschen weitergebracht?
Informiert zu sein ist nicht dasselbe, wie etwas verstanden zu haben
Natürlich erfüllen Zeitungen und andere Nachrichtenmedien eine wichtige Aufgabe. Sie informieren uns über politische Entwicklungen, gesellschaftliche Missstände und Ereignisse, die unser Leben betreffen. Doch zwischen sinnvoller Information und gedankenlosem Nachrichtenkonsum liegt ein großer Unterschied.
Wer ständig neue Informationen aufnimmt, ohne Zeit zu finden, sie einzuordnen, läuft Gefahr, Wissen mit Erkenntnis zu verwechseln. Wir kennen die neuesten Schlagzeilen, haben aber kaum über ihre Bedeutung nachgedacht. Wir reagieren auf Aufregendes, statt Zusammenhänge zu erkennen, und übernehmen Meinungen, statt uns ein eigenes Urteil zu bilden.
Hinzu kommt, dass Nachrichten bevorzugt über das Dramatische, Konfliktreiche und Außergewöhnliche berichten. So kann leicht der Eindruck entstehen, die Welt bestehe hauptsächlich aus Katastrophen und Bedrohungen. Währenddessen geht das stille, unspektakuläre Leben weiter: Menschen helfen einander, Kinder entdecken die Welt, jemand findet eine Lösung für ein Problem. Nicht alles, was wichtig ist, schafft es in die Schlagzeilen.
Die verlorene Mitte
Das Wort „dezentrieren“ ist in Morgensterns Satz besonders bemerkenswert. Es bezeichnet sinngemäß das Herauslösen aus der Mitte. Übertragen auf unseren Geist bedeutet es: Wir verlieren unseren inneren Mittelpunkt, weil unsere Aufmerksamkeit ständig nach außen gezogen wird.
Wir beschäftigen uns mit dem, was andere tun, sagen und denken. Wir ärgern uns über Ereignisse, auf die wir keinen Einfluss haben, und verfolgen das Leben anderer, während unser eigenes in den Hintergrund rückt.
Dabei wären gerade innere Ruhe und die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu richten, wichtige Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben.
- Was ist mir wirklich wichtig?
- Welche Erkenntnisse möchte ich vertiefen?
- Was kann ich in meinem eigenen Leben verändern?
Solche Fragen brauchen Zeit. Eine Erkenntnis entsteht selten dadurch, dass wir möglichst viele Informationen möglichst schnell aufnehmen. Oft entsteht sie erst, wenn wir innehalten, Zusammenhänge erkennen und das Gelesene mit unseren Erfahrungen verbinden.
Die Kunst, nicht alles wissen zu müssen
Die Lösung besteht nicht darin, Zeitungen grundsätzlich zu meiden oder Nachrichten zu ignorieren. Es geht vielmehr darum, bewusster mit unserer Aufmerksamkeit umzugehen.
- Muss ich das wirklich wissen? Nicht jede Nachricht ist für mein Leben oder meine Entscheidungen von Bedeutung.
- Informiere ich mich – oder lasse ich mich nur berieseln? Entscheidend ist, ob ich meine Aufmerksamkeit bewusst einsetze oder sie anderen überlasse.
- Nehme ich mir Zeit zum Nachdenken? Informationen sind erst der Anfang. Was zählt, ist, was wir aus ihnen machen.
Wir müssen nicht jede Aufregung mitmachen und nicht jedem Reiz folgen. Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt. Was wir für Unwesentliches verschwenden, fehlt an anderer Stelle.
Weniger Zerstreuung, mehr Leben
Christian Morgensterns Gedanke lässt sich weit über Zeitungen hinaus auf unsere heutige Medienwelt übertragen. Nachrichtenportale, soziale Netzwerke und endlose Meldungsströme verführen uns mehr denn je, unsere Aufmerksamkeit in unzählige Richtungen zu verteilen.
Wir können uns den ganzen Tag mit dem beschäftigen, was irgendwo auf der Welt geschieht, und dabei übersehen, was unmittelbar vor uns liegt.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich den Bildschirm ausschalten, die Zeitung beiseitelegen und uns einer einzigen Sache widmen: ein Buch lesen, ohne nebenbei Nachrichten zu prüfen; ein Gespräch führen, ohne gedanklich schon beim nächsten Thema zu sein; einen Gedanken zu Ende denken, statt ihn durch den nächsten unterbrechen zu lassen.
Denn ein erfülltes Leben entsteht nicht dadurch, dass wir möglichst viel aufnehmen. Es entsteht auch dadurch, dass wir auswählen, vertiefen und das Wesentliche erkennen.
Die entscheidende Frage ist also nicht, wie viel wir über die Welt wissen, sondern wie viel von unserer Aufmerksamkeit uns selbst und unserem Leben noch gehört.
Morgensterns Worte sind eine Einladung, unseren Geist wieder in seine Mitte zu bringen. Nicht, indem wir die Welt ausblenden, sondern indem wir entscheiden, wie viel Raum wir ihr in unserem Inneren geben wollen.
Möchtest du die Gedankenwelt des deutscher Dichters, Schriftstellers und Übersetzers Christian Morgenstern (1871-1914) näher kennenlernen?
Dann klick und guck mal: 👀
Affiliate-Links: Wenn du über einen der Links auf dieser Seite einkaufst, erhalten wir eine kleine Provision vom Anbieter. Dich kostet das keinen Cent extra – uns hilft es, Wichtel-Village zu finanzieren. Win-win, also.
Hast du etwas erlebt,
was das Zitat bestätigt? Dann schreib es gerne unten in die Kommentare, zur Inspiration für uns alle.
Weise Wichtel E-Books in Deutsch und Englisch










Bettina Kienitz
Bettina Kienitz
Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!